Gebildet und dennoch überflüssig?

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Stand der Marktforschung

Eine schöne kleine Schauergeschichte für Bildungsbürger & Gebildete geistert zur Zeit durch die Blogosphäre: Paul Krugman & Co rufen nämlich den Nachfragenotstand nach „brains“ aus. Die sehr überzeugende Story geht so:

„Bildung“ gilt bekanntermaßen in modernen Gesellschaften als Allheilmittel und Aufstiegsmotor. Parteien, die nicht in irgendeiner Form „Bildung“ als allerwichtigste Zukunftsressource glorifizieren, haben keine Chance. Selbst das konservative Lager, das ja traditionell gegen Verteilungsgerechtigkeit mit der Gießkanne ist, verspricht dann doch durch die Hintertür allen irgendwie „Aufwärtsmobilität“: und zwar über Bildung. Ohne Bildung kein Aufstieg, keine Wohlfahrt, keine soziale Sicherheit. Bildung erhebt dich aus der Masse der „blue collar worker“. „White collar worker“ soll man sein, denn dann ist man in Sicherheit: man verdient gut und ist nicht ersetzbar – durch Technik, durch Roboter, durch Chinesen. Und das hat ja seit den 70ern auch ganz gut funktioniert – Stichwort „Bildungsexpansion“. In den Emerging Markets funktioniert es noch immer – zumindest ausgehend von einem sehr niedrigen Ausgangs-Bildungsniveau steigt dort der Wohlstand mit jedem neuen Bildungszertifikat, und der Sektor anspruchsvoller Tätigkeiten expandiert.

Anscheinend pfeift diese klassische Bildungsstory aber auf dem letzten Loch. Aus nachvollziehbaren Gründen: denn letztlich geht es bei der Frage darum, wie sicher das eigene Einkommen ist bzw. wie ersetzbar und „at risk“ nicht um die Frage „blue“ oder „white collar“, Facharbeiter vs Akademiker. Nein, die „Routinisierbarkeit“ der eigenen Tätigkeit determiniert, wie ersetzbar man ist, nicht die Frage, ob man „manuell“ oder „geistig“arbeitet. Und siehe da: viele „geistige Handgriffe“, mit denen sich „Hochqualifizierte“ in ihrer Tätigkeitswelt so herumschlagen entpuppen sich als ziemlich gut automatisierbar. So richtig bewußt wird uns das aber erst, seit Technik nicht mehr nur „Roboter“ meint, sondern „IT“, „Web 2.0“ und „Data Mining“, also seitdem ziemlich schlaue Programme und Algorithmen aufgetaucht sind, die uns auch einen Großteil geistiger Arbeit abnehmen.

Die Schlussfolgerung aus dem unten eingefügten Bild zum Thema „ROI von Bildungsabschlüssen“ (danke an Paul Krugman) liegt auf der Hand: während sich in den 80ern Abi und Uni noch absolut auszahlten und die dazugehörigen, gut bezahlten Wirtschaftssektoren auch fein expandierten, bringen diese Abschlüsse heute deutlich weniger Vorteile. Es gibt weiterhin höchstspezialisierte und teure Abschlüsse, die einen für echt gut bezahlte Nischentätigkeiten qualifizieren, aber dieser Sektor wächst keineswegs – und kann damit niemals das kompensieren, was am unteren, „automatisierbaren“ Ende der „Skill Curve“ wegfällt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus dem eigenen Leben fallen einem da natürlich auch Beispiele ein. Mein Hausarzt beispielsweise: der ist in den letzten Jahren immer effizienter geworden. Das Blutdruckmeßgerät wurde digitalisiert, auf dem Ausdruck des Bluttests sind die nicht so guten Werte automatisch markiert, und selbst das EKG meldet verdächtige Kurven ganz von selbst. So richtig hinschauen und denken muß er eigentlich nur noch, wenn er mal ein Ultraschallbild deutet (in der Psychologie ist dieser Prozeß der Auslagerung des Denkens in Technik schon seit Jahrzehnten als „Shared Cognition“ bekannt.) Meinen Hausarzt freut’s, denn sein Einkommen wird dadurch bisher nicht negativ tangiert. Allerdings braucht man theoretisch nicht mehr so viele Ärzte in Deutschland, weil die Diagnosefähigkeiten der Niedergelassenen exponentiell gestiegen sind / beschleunigt wurden. (Zum Glück geht der Deutsche extrem gerne zum Arzt und will alles Mögliche untersucht haben. Insofern ist der Berufsstand Arzt noch nicht von Verarmung betroffen.)

Ein Abstecher – und wie verhält sich das jetzt eigentlich mit Tätigkeiten in der Marktforschung?

Eine gute Frage. Marktforschung steht ja für ganz verschiedene Typen von Studien und Fragestellungen. Greifen wir mal zwei Mafo-Dienstleistungstypen heraus:
a) die „individuelle Dienstleistung“ – eine Mafo-Untersuchung, die in puncto Fragen, Ablauf, Befragten und Methoden etwas „Besonderes“ ist oder zumindest überwiegend „nicht-standardisiert“ (wobei  das Geld mit den routinisierbaren Teilen gemacht wird, während man in die individuellen Anteile oft überproportional viel Gehirnschmalz investiert.)
b) „Standard“ – oft mit einem Trademarkzeichen versehene Lösungen zu immer wiederkehrenden Fragen. Entlang der ganzen Datenkette muss niemand mehr so richtig gut entlohnt werden und qualifiziert sein, und es wird dementsprechend preisaggressiv angeboten (was man verkraften kann, denn: die Masse macht’s. Und dank Trademarkzeichen stärkt man die eigene Mafo-Marke.)

Gerade qualitative Researcher sperren sich ja oft vehement gegen die Unterstellung, dass es „standardisierte Lösungen“ in ihrer Mafo-Nische überhaupt gibt. Nein, das meiste sei doch vom „Typ a“, also „mit ganz wenig Routine“. Immer betont man den schöpferischen, „maßschneidernden“ Moment qualitativer Forschung. Überhaupt beharrt man darauf, dass für bestimmte Themen „nur“ qualitative Lösungen angemessen sind (Markenpersönlichkeit und Co) – was auch nichts anderes ist als Abwehr von Routinisierungs-Attacken, die aus der Welt der großen Quanto- und Onlineforscher geritten werden.

Ich will hier gar nicht allzu sehr ins Detail gehen – ob nun qualitative Studien wirklich alle „Einzelstücke“ sind oder ob nicht doch viel mehr „Routine“ dahintersteckt, als man so zugibt. Wichtig ist mirauf alle Fälle, dass „Routinisierbarkeit“ immer ein soziales Konstrukt ist. Was als routinisierbar gilt und was nicht, ist auch Moden und Trends unterworfen und hängt immer auch davon ab, wie viel Prestige eine Tätigkeit genießt. Auf alle Fälle empfiehlt es sich, als Mafo-Anbieter im Prestigediskurs ein Wörtchen mitzureden und daran mitzuarbeiten, dass der eigene Berufsstand als „Routine-fern“ gilt – damit man nicht eines Tages von der Mehrheit der Kunden als reiner Commodity-Dienstleister angesehen wird. Natürlich muß man dabei glaubwürdig bleiben: niemand würde einem heute noch abnehmen, daß etwa qualitative Werbemitteltests vom methodischen Ablauf oder  Befragungsinstrument her keine „Routine“ sind. Individualität kann man hier nur auf Ebene der Schlußfolgerungen und der Aufbereitung claimen – was ja schon mal ganz gut ist!

Anyway – back to society: wenn die Story stimmt, dass die Nachfrage nach hochqualifizierten Gehirnen stagniert oder sogar abnimmt – was macht dann die Gesellschaft daraus? Was tun mit all den frustrierten, entweder schlecht bezahlten oder arbeitslosen Gebildeten, die der alten Leier gefolgt sind, dass Bildung „alles“ sei? Was, wenn diese sich vielleicht tatsächlich „hoch-gearbeitet“ haben, also aus „ungebildeten“ Ursprungsfamilien stammen? (Nicht, dass das in Deutschland oft vorkäme…)  Ja, das ist in der Tat sozialer Sprengstoff. Insbesondere kann man dann nicht mehr behaupten, jeder sei „seines Glückes Schmied“ und für sich selbst verantwortlich. Denn man kann sich im wahrsten Sinne krummlegen und in der Uni-Bibliothek nächtigen – es wird sich in Zukunft nicht immer auszahlen. (Ich blende mal rigoros aus, dass Bildung natürlich auch „Spaß“ machen kann – auch wenn sie sich nicht auszahlt.)

Was sagt Krugman dazu? „Soziale Sicherheit muss direkt hergestellt werden“. Man könne sich nicht mehr nur darauf konzentrieren, auf dem Thema „mehr Bildung für alle“ herumzureiten. Das ist natürlich ein nur mäßig verklausuliertes Plädoyer für solche althergebrachten Dinge wie Arbeitsplatzsicherung durch gewerkschaftliche Organisation, gesetzliche Kündigungsfristen, Mäßigung der unternehmerischen Ansprüche was Profitraten angeht… oder gar ein Plädoyer für moderne Ideen wie Grundeinkommen (für die USA ziemlich radikal, was Herr Krugman da anklingen läßt.) Worauf er allerdings auch keine Antwort hat: selbst wenn die Gewerkschaft oder der Staat dafür sorgen, dass immer Geld auf dem Konto ist – woraus bezieht die Bildungselite ihren Selbstwert, wenn ihr Gehirn nicht so richtig „gebraucht“ wird?

 

 

  • KL

    Wenn es eine ‚Elite‘ wirklicher Bildung – also geübter erweiterter Urteilsfähigkeit, nicht Wissensprotzerei – ist, wird sie den Tag schon fröhlich verbringen und ihre Freude an der neuesten Platon-Deutung haben oder an dem Auffinden der Gemeinsamkeiten von tibetanischer Volksmusik und Beethovens Klavierwerken – oder sogar an der Erforschung des Zusammenhangs von traditioneller Mentalität und sozialer Organisation im Katastrophenfall, oder am Finden der Bedingungen für ein glückliches Lebens in materiellem Überfluß, ohne daß der Zwang, Geld zu verdienen, den Tag ordnet.
    Was sie dazu braucht, wie jeder „ungebildete“ Arbeitslose auch, ist ein sicheres Grundeinkommen und das, was zu haben sie selbstverständlich schon heute für sich in Anspruch nimmt: ein ruhiges Selbstbewußtsein, das nicht mehr darauf angewiesen ist, die Einladung zur Talkshow oder das Parken des Wagens neben dem des Chefs als Ritterschlag ersehnen.

  • KL

    … zu ersehnen.

  • Ich gestehe, auch ich hänge im Grunde meines Herzens diesem romantischen Bildungsbegriff an: Urteilskraft, Sinnieren, Nachdenken, die „lange Nacht der Museen“ toll finden… in dem Camp bin ich auch zuhause.
    Aber ob das nicht alles Schönwetterdenke ist? Ob das Grundeinkommen reicht, wenn keiner mehr wissen will, was meine Urteilskraft so von sich gibt? Den Wegfall der Lederinnenausstattung im Dienstwagen mag man noch verkraften, aber bei allem was darüber hinaus geht bin ich mir nicht so sicher. Man müsste mal die verschiedenen Sinus-Milieus daraufhin abklappern, wer wohl am meisten von einer Phase „sozialer Nutzlosigkeit“ profitieren könnte.

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