Die Schockstarre im Angesicht der Katastrophe

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Danke an WikimediaIn diesen Tagen entdecke ich Gert Hofstede wieder, den Kulturforscher, der so gut wie alle Weltkulturen durch seinen SPSS-Rechner gejagt und verglichen hat. Seine Dimensionen wie „long term orientation“, „masculinity“, „power distance“ (= Toleranz gegenüber ungleich verteilter Macht), „invidualism“ und „uncertainty avoidance“ (= Abneigung gegen unstrukturierte Situationen) sind ziemlich aufschlußreich und können so manches Verhalten in anderen Ländern mit anderen Sitten erklären. Schweden fahren zum Beispiel sehr defensiv Auto – weil sie weniger „Machismo“ haben.

Was Japan angeht, so ist das Handling des Reaktor-GAUs in Fukoshima ein Musterbeispiel für die Schattenseiten von Maskulinität, Unsicherheitsvermeidung und gering ausgeprägtem Individualismus: drei in Japan überdurchschnittlich stark ausgeprägte Dimensionen. Konkret läuft das dann so: viele Angestellte von Tepco und in der Regierung ahnen, dass im AKW was nicht richtig läuft, aber kaum jemand macht den Mund auf, erst recht nicht im Beisein von ranghöheren Alpha- oder Beta-Männchen, und die Oberverantwortlichen bei Tepco und in der Regierung sind wie gelähmt – denn in der Katastrophe lösen sich alle Sicherheiten in Luft auf, und die plötzliche Eigenverantwortung wird als Lähmung, nicht als Herausforderung erlebt. Eine Störung in der atomaren Bento-Box, wenn man so will.

Wen es interessiert: Deutschland ist kulturell etwas besser aufgestellt, aber nicht viel – Skandinavien wäre für mich die Katastrophen-Benchmark.