Knapp daneben ist auch vorbei (Wohnungsgeschichten Teil II)

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Wer den 1. Beitrag aus der Reihe „Wohnungsgeschichten“ gelesen hat, wird verstehen, warum wir uns bei der Wohnungssuche nicht mehr nur auf Makler verlassen wollen. Wir haben also ganz klassisch in der Frankfurter Rundschau (und deren Online-Ableger kalaydo.de) ein Wohnungsgesuch geschaltet, um z.B. noch nicht auf dem Markt angekommene Wohnungen abzugreifen, die von Vermietern gerade renoviert werden. Darin formulierten wir klare Anforderungen, wie man sie halt als gentrifizierter Kaukasier so hat: meine Frau und ich sind beide groß gewachsen, wollen also Altbau, 80qm mindestens, und zwar in Frankfurt Bornheim, Nordend oder Sachsenhausen. Punkt.

Dreimal darf man jetzt raten, mit welchen Angeboten wir bisher konfrontiert wurden. „Gute Angebote?“ werden Sie fragen. Nein: ausschließlich Neubau, und zwar in Stadtteilen, die in 99% der Fälle nicht mal an die Wunschstadtteile grenzen. Am Telefon wird zudem gelogen dass sich die Balken biegen – eine Taktik, die in Zeiten von Google Maps tendenziell nicht mehr so recht aufgeht. Denn wenn die Wohnung angeblich ganz nah an Haltestelle XY in Sachsenhausen liegen soll, dann kann man noch während des Telefonats anhand der Adresse herausbekommen, dass die Wohnung in Oberrad liegt (für alle Nicht-Frankfurter: das ist statt Nachtleben in Sachsenhausen dann Rübenacker mit einer Auswahl der häßlichsten deutschen Doppelhaushälften mittendrin.)

Ich kann natürlich nachvollziehen, dass die Anrufer halt einfach rausfinden wollen, ob wir nicht vielleicht doch irgendwo Kompromisse machen wollen – hey, it’s alright, es ist halt wie bei der Partnerwahl: ich bin auch nicht Brad Pitt, konnte aber meine Frau irgendwie von meiner Eignung als Mann überzeugen. Gegen diese „ich versuch’s halt mal“-These spricht aber die Enttäuschung am anderen Ende der Leitung, wenn man dann „nein“ sagt. Da hat also jemand vielleicht doch nicht richtig die Anzeige gelesen…?

Es bringt ja auch nichts, aus Mitleid dann doch mal die eine oder andere solcherart an einen herangetragene Wohnung zu besichtigen. Am Sonntag haben wir das mal gemacht und wurden von einem „Verwalter“ in der Wohnung begrüßt, der „eigentlich ein Nachfahre der Rothschilds“ ist, aber „keinen Lust auf den Ruhm und Trubel“ hat, daher einen anderen Namen trägt (!) und der uns in einem nur notdürftig gesäuberten, anscheinend frisch vollgekotzten Karohemd die Tür aufmachte. Seitdem gibt’s keine Mitleidsbesichtigungen mehr, so viel ist sicher.

 

  • Tomasz

    Sehr schöner Bericht. Ja, dieser inkognito lebende Hochadel…; wahre Größe ist das. Und Mut machen diese stillen Helden.