Der Regierungssitz der Körperbilddiktatur

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Dank an StroerMir ist nicht ganz klar, warum alle Welt ausgerechnet auf dünnen Models herumhackt und diese auf Teufel komm raus als den Verursacher der zunehmenden Anorexieproblematik identifizieren möchte. Denn das Artifizielle, nicht-Vorbildliche von Models liegt auf der Hand: jeder weiß, dass ein Model nichts mit der Durchschnittsperson zu tun hat, dass dieses ganze Dauerdünnsein einfach enorm anstrengend ist und da auch gerne mal Drogen mit im Spiel sind. Mit einem Model identifiziert man sich nicht so leicht. Klar, ich fand es auch sympathisch, als die Brigitte ihre „keine Models“-Kampagne startete, und die Dove-Damen auf einmal rundlich und ungeschminkt daherkamen – aber mal unter uns: warum sollen ausgerechnet Models in Werbung und Hochglanzmagazinen „natürlich“ und „normalgewichtig“ daherkommen? Wäre damit wirklich was gewonnen im Kampf gegen die um sich greifende Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper?

Denn die Mediennutzung wird ja nun wahrlich nicht von Werberezeption dominiert. Nein, was man gemeinhin und ganz überwiegend so guckt sind Filme und Fernsehserien. Gerade letztere haben im letzten Jahrzehnt einen enormen Boom erlebt. Dazu ein kleines Erinnerungsexperiment: an welche übergewichtigen Figuren oder Schauspieler erinnern Sie sich? Tony Soprano? Roseanne? Zach Galifianakis in „Hangover“? Viele kommen da nicht zusammen – und oft sind sie als „weirdos“ angelegt. Oder wie wäre es mit normalgewichtigen Leuten, Helden ohne Waschbrettbauch? Auch schwer. Selbst Figuren, die im Film als „Normalos“ eingeführt werden, wie z.B. Denzel Washingtons verpeilter Co-Lokführer in „Unstoppable“,  legen dann doch im Verlaufe des Films oft ihr T-Shirt ab und entblößen übermenschenartige, hoch-definierte Körper – nix mit Normalo.

Andersum ist es leichter, das Mager-und-Muskelcamp ist gut besetzt – einige zufällige Beispiele: Kiera Knightley möchte man in „Last Night“ andauernd an den Glucosetropf hängen, so dünn ist sie. Die unsäglichen „Twilight“-Vampire sind auch alle entweder Lundgren-artige Kampfmaschinen oder rappeldürr (dass die tot sind nimmt man ihnen ohne weiteres ab.) Und in der ersten Staffel der Serie „Supernatural“ tauchen 8 Episoden lang als Protagonisten ausschließlich untergewichtige Frauen mit Streichholzarmen auf, oder aber Männer mit gestählten V-förmigen Oberkörpern. Normalgewichtige, Häßliche oder Dicke gibt es irgendwie auch, aber nur als Staffage, „Schlachtmaterial“ oder Sonderlinge.

Es liegt auf der Hand, dass dieser visuelle Overload an top-geformten Körpern weitaus mehr Unwohlsein mit dem eigenen Körper verursachen kann als ein Blick auf eine Anzeige mit Mager-Models (extremes Beispiel: die berühmte Ralph-Lauren-Anzeige von 2009.) Denn in Serien und Filmen gibt es Stories, es gibt Helden und Sympathieträger: es gibt also Identifikationsangebote an Masse, die Printmedien in diesem Ausmaß gar nicht erzeugen können. Und all diese Bewegtbild-Heroes sind zunehmend perfekt: sehr dünn, sehr „definiert“, so gut wie nie bei der Nahrungsaufnahme zu sehen… Die moderne Körperbilddiktatur hat ihren Sitz also nicht in der Vogue, der Fit for Fun oder der abdomen-fixierten Men’s Health, sondern in Film, Fernsehen und Multimedia. Alle Kritik an der Modelbranche ist vor diesem Hintergrund reine Heuchelei oder Sündenbocksuche, solange man nicht mal in Hollywood anklopft und Filmcrews mindestens einmal pro Woche per Gesetz zum McDonald’s-Besuch zwingt.

3 Gedanken zu „Der Regierungssitz der Körperbilddiktatur

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