Wo bleiben die Wutbürgersongs zur Dauerkrise?

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Die neue Spex hebt mal wieder Bob Dylan aufs Cover. Nicht nur, weil der Kerl bald 70 wird, sondern weil man sich doch zunehmend fragt: was ist eigentlich aus der kritischen, genervten, nörgeligen, unzufriedenen Popmusik geworden? Gibt es eigentlich noch Protestsongs? Und wo sind die dylanesken Songwriter- oder meinetwegen Garage-Band-Persönlichkeiten, die gegen Goldman Sucks, Öldespoten, Afghanistankrieg, Fukushima, Stuttgart 21 oder andere Wutbürgerthemen protestieren? Der Hiphop scheidet aus – in Deutschland sowieso, da überwiegend rekrutiert aus behüteten Mittelschichtsfamilien. Wenn genörgelt wird, dann geht es nur um zu wenig Cash, Gras, Girls, miese Väter und Welfare Mothers; kein neues Public Enemy in Sicht. Der Hamburger Diskurspop ist auch schon lange beerdigt, und man fragt sich natürlich retrospektiv, wer den eigentlich wirklich gehört hat. Andere Musikbiotope wie Elektro standen noch nie im Verdacht, besonders kritisch zu sein. Die Spex kommt jedenfalls zum Ergebnis, dass Diskurs und Protest in der Gesellschaft grundsätzlich ziemlich tot sind, und zwar egal ob in Musik, Feuilleton, Universität Blogosphäre oder Real Life. Rede und Gegenrede finden zumindest in „westlichen“ Gesellschaften nicht mehr statt.

Unzufriedenheit und Überdruß gibt es natürlich schon noch, die brechen sich heute aber eher konzentriert, abrupt und in finalen Gewaltorgien Bahn: um Stuttgart 21 war es lange mucksmäuschenstill, nur rund um den ersten Spatenstich erscheinen Wasserwerfer und verletzte Demonstranten auf der Bildfläche. Terroristen haben das Reden auch zunehmend aufgegeben: die traditionelle Aktion der Geiselnahme inklusive wahnwitziger Forderung ist out, stattdessen ist es en vogue, sich einfach umstandlos in die Luft zu sprengen. So, das habt ihr davon!, denkt sich der beleidigte Selbstmordattentäter (so jedenfalls meine Idee, genau weiß man das natürlich nie, vielleicht denkt er auch daran, dass zuhause noch die Kaffeemaschine an ist.)

Aber auch im Kleinen – jenseits der großen Themen – gibt es diesen Trend zur unvermittelten Explosion: man denke nur an die Pärchen, die gestern noch harmonisch-händchenhaltend im Kino saßen – und sich heute schon per SMS die Beziehung aufkündigen. Und wenn man mal daran denkt, was man schon alles auf den Sperrmüll verfrachtet hat, obwohl eigentlich mit ein paar neuen Schrauben und Winkeln noch vieles zu retten gewesen wäre, dann ist das im Grunde dieselbe Denkstruktur: es lohnt nicht, an den Zuständen was zu ändern – weg damit. Die Eltern nerven? Ausziehen, Kontakt abbrechen. Der Job passt nicht? Gute Miene zum bösen Spiel machen – und dann zackig kündigen. Woher dieser überall anzutreffende Unwille zur Auseinandersetzung kommt ist mir nicht ganz klar; aber das Phänomen ist nicht von der Hand zu weisen.

  • Tomasz

    Helge! Sehr schön, deine Seite. Ich werde sie öfters besuchen kommen.
    Allet Jute,
    Tomasz

  • Tomasz

    Vorschlag: Eine Plattenkritik. Zum Beispiel die neue Grönemeyer!
    Ich revanchiere mich dann mit: „Erlösung 2.0: Theologische Motive im frühen Xavier Naidoo“
    S’Tomaszerl