„The Pale King“: Foster Wallace, der Meister des menschlichen Bewußtseins

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Viel wurde im Vorfeld der Veröffentlichung von „The Pale King“ geschnattert: darf man das, posthum verstreute Notizen und Romanfragmente des „Pale King“ von David F Wallace zusammentragen, in eine Reihenfolge bringen, die Wallace himself noch gar nicht festgelegt hatte, und das Ganze so offensichtlich unabgeschlossen und „un-perfekt“ veröffentlichen – oder ist das nicht eher ein literarisches Verbrechen, Leichenfledderei des Wallace’schen Nachlasses? Nach der Lektüre des Romans scheint mir diese Aufregung erstaunlich. Denn dieses Material nicht zu veröffentlichen wäre das eigentliche Verbrechen gewesen.

Ich möchte hier gar nicht allzu sehr ins Detail gehen. Nur so viel: wie kein zweiter hat David F Wallace ausgelotet, was es für den Menschen bedeutet, mit Bewußtsein ausgestattet zu sein – 200 Jahre nach Kants „sapere aude“ ist Wallace klar, dass Verstand, Denken und Bewußtsein auch Schattenseiten haben. Während Proust in aller Ausführlichkeit dargelegt hat, was für großartige Erinnerungs- und Konstruktionsleistungen das menschliche Gedächtnis vollbringen kann, widmet sich Wallace anderen geistigen Phänomenen: der Aufmerksamkeit, dem Interesse, der Langeweile, der Tatsache, dass das Bewußtsein „unterhalten“ und „angeregt“ sein will. Der Mensch ist bei Wallace in erster Linie ein Geschöpf, das sich beschäftigen und ablenken muss, ein Geschöpf, dessen Geisteswelt im Grunde hoffnungslos überdimensioniert ist im Vergleich zur Einfachheit und Monotonie der physikalischen und sozialen Umwelt.

In „Infinite Jest“ lenken sich die Figuren daher mit Leistungssport ab, drehen Filme, begehen Verbrechen, nehmen Drogen, oder geben sich dem „Entertainment“ hin, der ultimativen Unterhaltungs-DVD, der sich der menschliche Geist nicht entziehen kann (und will), bis der Körper als vertrocknete Hülle – vor dem Fernsehgerät liegend – von den Nachbarn oder Verwandten gefunden wird. „The Pale King“ ist gewissermaßen der Komplementärroman dazu: hier geht es erst mal nicht um Ablenkung, sondern um harte, volle, geisteszersetzende, Depressionen hervorrufende Langeweile, die von der Beschäftigung mit langweiligen und monotonen Tätigkeiten herrührt, und es geht darum, wie Menschen in einer Welt ohne Entertainmentoptionen existieren können – z.B. irgendwo in einem Bürogebäude Peoria, Illinois. Nicht ohne Grund situiert Wallace den Roman in der Arbeitswelt, in der man oft genug Inhalten nicht entkommen kann, die Wallace als „eye-glazing“ charakterisiert – es muß nicht unbedingt die amerikanische Steuerbehörde IRS sein, wo der Roman spielt, sondern könnte im Grunde auch jedes andere Großunternehmen sein.

Wieder spielen Drogen für die Figuren eine Rolle (z.B. Ritalin), aber Drogen spielen hier im Gegensatz zu „Infinite Jest“ nicht die Hauptrolle. Es geht nicht mehr nur um Tricks, dem Bewußtsein und seinen Unterhaltungsansprüchen eins auszuwischen. Nein, beim Lesen geht einem auf, dass hier gewissermaßen eine Reihe von „Übermenschen“ eingeführt werden, die die Langeweile auf ihre Art meistern, aushalten und beherrschen können – ohne melancholisch zu werden oder sich suizidieren zu wollen. Allen voran „Irrelevant“ Chris Fogle, den eine Art religiöses Erweckungserlebnis in die Steuerbehörde treibt, oder Shane Drinion, der sich so vollständig in den Moment und in triviale Daten versenken kann, dass er dabei im wahrsten Sinne des Wortes „ins Schweben gerät“ – er levitiert und wird von Wallace als „unboreable“ charakterisisiert.

Man kann mutmaßen, dass Wallace persönlich leider alles andere als unboreable war und ihn die Arbeit an „The Pale King“ (erst recht, nachdem Wallace eigenmächtig seine Antidepressiva abgesetzt hatte) in eine Art Burn Out und Sinnkrise getrieben hat, die im Appendix des Buches, in dem Wallaces Notizen enthalten sind, dokumentiert ist: wie kann man ein Buch über die Langeweile überhaupt jemals spannend gestalten? Man muß festhalten: es ist ihm gelungen. Es gibt zig Abschnitte in diesem Buch, die einfach atemberaubend geschrieben sind. Wallace verdanken wir mittlerweile sogar zwei levitierende Gestalten der Weltliteratur: Shane Drinion (s.o.) und Lyle, den Fitneßguru aus „Infinite Jest“, der über dem Handtuchspender in der Männerumkleide schwebt und zufrieden ist, wenn er sich vom Schweiß der Tennis-Eleven ernähren (!) darf. Zwei Figuren, die dem Menschen (zen-artig) den Weg weisen sollen: verzweifele nicht an Deinem Bewußtsein, sondern versenke Dich ins Hier und Jetzt – und Du wirst ihm entfliehen können.

„Buy buy buy!“ (Jim Cramer)