Hallo Anomie!

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Revolution Baby!

Thanks to Aert van der Neer [Public domain], via Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

 

 

Selten, dass Gespräche am sonntäglichen Frühstückstisch Nachdenken über Politik anregen, erst recht, wenn Verwandtschaftsbesuch mit am Tisch sitzt. Bei uns waren am Wochenende die Eltern meiner Holden zu Besuch. Maria, ihres Zeichens Pflegedienstleitung in einem großen norddeutschen Altenheim, zog resigniert Bilanz: die Pflegequalität werde immer schlechter, aufgrund der miesen Bezahlung könne man keine guten Kräfte mehr anlocken, die Alten liegen sich wund und die Arbeitskräfte haben Rücken… und alles werde noch schlimmer, wenn in ein paar Jahren „4 Rentner auf 1 Arbeitnehmer“ kommen. Bei diesem Satz leuchtete mein Ideologieradar rot auf und fing an, leise vor sich hin zu wimmern.

Sicher, Sätze der Art „soundsoviele Arbeitnehmer unterstützen / füttern soundsoviele Rentner / Sozialhilfeempfänger (insert Abhängigengroup here) durch“ haben eine hohe Evidenz. Schließlich hat man sich all die Jahre in Deutschland daran gewöhnt, dass die Arbeitskraft bzw Steuern auf Arbeit für viele Sozialleistungen aufkommen – „woher soll das Geld sonst kommen.“ Zwangsläufig ist das allerdings nicht.

Historisch gesehen haben Staaten immer dort Steuern erhoben, wo wirtschaftlich die Post abging: also bei Salz, Pfeffer, Sklaven… Zündhölzer, Sekt, whatever. Staaten hatten auch (meist) ein gutes Gespür dafür, wann man es mit der Besteuerung bestimmter Gruppen übertreibt und man sich vielleicht eine „revolutionäre Situation“ heranzüchtet.

Thanks to By jara 172 (de mi casa) [GFDL (www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Ab Mitte der 90er scheint dieser Common Sense allerdings außer Kraft gesetzt: die Einkünfte auf Kapital explodierten, die Vermögen wuchsen, die Unternehmensgewinne auch – was sich im Steuersystem nicht niederschlug bzw. sogar oft genug pervertiert wurde (siehe Senkung der Gewerbesteuer). Anstatt Kapital-, Vermögens- und Konsumsteuern zu erhöhen zahlt immer noch der Arbeitnehmer die Zeche, und das auch noch mit Rückendeckung von Rot-Grün. Was u.A. dazu führt, dass wir keine menschenwürdige Versorgung in Altenheimen und vielen Krankenhäusern mehr auf die Beine stellen, weil dort das Lohnniveau vollkommen unattraktiv ist, und dass woanders diejenigen, die auf einigermaßen gutbezahlten Jobs sitzen, sich in den Burnout schuften – denn die Arbeit, das ist ja das Goldene Kalb.

 

Lange Zeit galten dem entgegensteuernde Konzepte und Ideen (wie z.B. „lasst uns doch statt des Mittelschichtsarbeitnehmers lieber den Käufer eines Porsche zur Sozialkasse zu bitten, mit 40% MwSt auf Luxusgüter“) als ewiggestrig und kommunistisch. Überraschung und Erleichterung bei mir dann heute beim Aufschlagen der FAZS: dort kommt Frank Schirrmacher himself pünktlich zur Debatte am Frühstückstisch zur Überzeugung, dass die ganze „linke Kritik“ an den gesellschaftlichen Zuständen und am perversen Steuersystem absolut gerechtfertigt war. Das würde heute selbst dem härtesten NeoConLib klar,  so Schirrmacher, man müsse sich nur ganz nüchtern ansehen, wie viele Milliarden der Steuerzahler (vulgo Arbeitnehmer) den Banken (vulgo dem Kapital) als Rettungsanker zur Verfügung stelle – und als „Danke“ gäbe es nur eine weitere Kelle Staatsschulden. Das gesamte Führungspersonal der CDU erhält von Schirrmacher eine Ohrfeige, ebenso der abgetauchte Bundespräsident; nur die FDP lässt Schirrmacher in Ruhe, denn von der (sinngemäß) konnte man ja noch nie erwarten, dass sie moralisch handelt.

Thanks Marty555

So weit, so gut. Die Zustände gelten also selbst im konservativen Lager mittlerweile als unhaltbar. Mir stellt sich nur die Frage: wer soll’s denn richten? Am Frühstückstisch veranstalteten wir ein heiteres Spiel: wem fällt ein Politiker ein, der ein bisschen Charisma hat, den man ein wenig respektiert, dem man die Chuzpe zutraut, die Missstände beim Namen zu nennen und anzupacken? Uns fiel keiner ein. Obama gefesselt und als Mainstreamer enttarnt, Angie ohne echten Plan, Cameron kaum im Amt nud schon beschädigt, Zapatero, Sarkozy und Bunga-Bunga scheiden auch aus… ein einziges Trauerspiel. Die Grünen? Auch nur CDU mit grünem Anstrich. Die Linke? Einige gute Ideen, aber nur lächerliches Personal. SPD? Please!

Das alles steuert auf gefährliche Situation zu, wenn man sich die ziemlich progressiven Vorgänge in UK ansieht, wo hie und da ein paar Autos und Gebäude in Flammen aufgingen und Flachbildfernseher auf unkonventionelle Art und Weise bargeldlos den Besitzer wechselten. Die Briten haben im Grunde die Stufe übersprungen, in der der frustrierte Wähler aggressive Populisten an die Macht bringt, und sind gleich zu Aufstand und Sachbeschädigung übergegangen. Wenn auch zunächst nur als Pilotstudie.

Die Soziologie hat für die drohenden Zustände einen etwas altertümlichen Begriff parat: „Anomie“ (credits to Emile Durkheim.) „Anomie“ ist im Grunde nur ein netterer Begriff für „fubar“ auf gesamtgesellschaftlichem Niveau: das soziale Normensystem ist „f***** up beyond all recognition“, gilt nicht mehr, reine Fassade: es gilt zwar angeblich noch das Leistungsprinzip, de facto aber ist offensichtlich, dass einige wenige ihre Pfründe sichern und ihr Kapital erfolgreich durch die Krise lavieren, der Rest aber gnadenlos abgehängt wird, und zwar dauerhaft und strukturell. Man erzähle doch einem in Armut aufwachsenden Berliner Kind einer alleinerziehenden Mutter bitte nicht, „Leistung lohnt sich!“ und „du schaffst alles, wenn Du nur willst!“ – außer, man kann schnell genug vor seinem Baseballschläger wegrennen.