Mord, Amok, Terror: bitte mehr Begriffsschärfe!

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Das Leben an und für sich

Manchmal ist Twitter ja doch zu was gut. Tweetete „wetterfrosch“ doch neulich:

Wie kamen wir jetzt von der unterstellten versuchten Herbeiführung einer Sprengstoff-Explosion zum Terror-Begriff? Warn ja nicht mal 3 Typen

Recht hat er. Warum immer gleich Terror? Aus gegebenem Anlass („Berliner Polizei nimmt Terrorverdächtige fest„, 9/11-Jahrestag) wollte auch ich kurz festhalten, dass die deutsche Sprache ein schönes Begriffsspektrum besitzt, um differenziert über Sachverhalte zu schreiben, bei denen Menschen zu  Schaden kommen. Es ist wirklich wichtig nicht immer reflexhaft bei jedem aufgeflogenen sinistren Plan von „Terrorgefahr“ zu reden: denn mit Terrorgefahr werden schließlich seit knapp 10 Jahren munter alle möglichen Einschränkungen der persönlichen Freiheit legitimiert, und beim Wahlvolk ein diffuses Bedrohungsgefühl geschürt – dabei gibt es weniger Terror da draußen, als man so denken mag, aber jede Menge schlichte Morde und hie und da auch den guten, alten Amoklauf.

Hier einfach mal ein paar lose Assoziationen und Vorschläge, ohne Anspruch auf letztgültige Wahrheit: von „Terror“ und Terroranschlägen sollte man dann reden, wenn Leute aus weltanschaulichen Gründen ums Leben kommen (sollen). Terroristen neigen zudem dazu, sich einer – wenn auch losen – organisatorischen Infrastruktur und Arbeitsteilung zu bedienen (z.B. Informanten, Sprengstoffbeschaffer, Bombenbauer, Ausführer.) Was ein echter Terrorist ist, der sucht sich auch vorzugsweise symbolkräftige Orte für seine Taten aus, wobei 9/11 schwer zu toppen ist und die neue Generation sich nolens volens auch mit U-Bahnen (London, Madrid) zufriedengibt, Hauptsache die Devise (was den möglichen body count angeht) „the more, the merrier“ ist weiterhin erfüllt. Klar, dass dann Messer und Pistolen nicht mehr so recht ausreichen, und der Terrorist von Welt ein Herz für den selbstgebauten Sprengkörper hat.

Ist nun jeder Moslem (Weltanschauung!), der sich Chemikalien bestellt, die irgendwann man zu einer Bombe (Boom!) führen können, automatisch ein Terrorist? Nein. Höchstwahrscheinlich wird er bloß zum „Mörder„, auch wenn das natürlich total langweilig ist im Vergleich zum Terroristen. Ohne jetzt ins StGb geguckt zu haben wäre ein Mord in etwa so zu fassen: bei Morden geht es darum, konzentriert, zielgerichtet und relativ „ökonomisch“ ganz bestimmte andere Menschen ums Leben zu bringen. Punkt. Wenn das besonders schwierig zu realisieren ist, weil die Zielperson(en) gut abgeschirmt sind, spricht man auch vom „Attentat„. Besondere Orte oder möglichst hoher body count sind irrelevant, solange man das Hauptziel (nervigen Schwiegervater, Luden-Konkurrent im Bahnhofsviertel, Papst) um die Ecke gebracht hat. All das mit einer Bombe zu realisieren, heisst nicht, dass hier ein Terrorakt vorliegt: vielleicht sollte ja auch einfach eine kleine, verfeindete Pokerrunde aus der Unterwelt elegant gesprengt werden. Auch das wäre dann Mord, kein Terror. (Totschlag – der kleine Bruder des Mordes „in der Hitze des Gefechts“ – jedoch keinesfalls, denn wer kann im Affekt schon mal eben schnell eine Bombe bauen?)

Und dann gibt es ja auch noch die Option „Amok„. Dem Amok geht wohl voraus, was der Volksmund so schön als „Ausrasten“ beschreibt: jemand dreht durch und sucht die Schuld darin in der Außenwelt. Obwohl oft genug in Büroräumen Amok gelaufen wird (schließlich schnurrt die Außenwelt oft genug auf den Kollegenkreis zusammen) ist die Bühne bzw der Raum beim Amoklauf letztlich irrelevant, dem wirklich Ausgetickten reicht auch der Supermarkt oder die Einkaufszone als Schauspielstätte für seine Inszenierung im Grunde aus.

Sicher gibt es schillernde Gestalten wie Breivik, der zwischen mehreren Typen oszilliert: sein Manifest spricht für weltanschaulichen Terror, andererseits fehlt ihm das organisierte Rückgrat (bzw andere rechtsradikale Norweger weisen jede Verstrickung in die Tat natürlich empört von sich.) So bleibt er wohl eher Amokläufer, auch weil die Umsetzung seines Plans auf einer Ferieninsel voller sozialdemokratischer Jugendlicher für einen Terrorakt merkwürdig „unpassend“ erscheint: um seine „Anti-Multikulti-Ideen“ in die Welt zu tragen wäre im Grunde eine Attacke auf ein multiethnisches Jugendfußballcamp in Oslo viel mehr „on strategy“ gewesen.

Anyway: ich kann das reflexhafte Terrorgeschrei nicht mehr hören. Können wir 10 Jahre nach 9/11 bitte übereinkommen, dass es genügend andere … Tötungsmotivationen gibt?