Warum die Veränderung der Lesegewohnheiten nicht nur Romanciers und Lyriker trifft, sondern auch Marktforscher

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Das Leben an und für sich, Stand der Marktforschung

Meine bessere Hälfte und ich waren neulich auf der Buchmesse. Mirjana und Klaus Wittmann, Verwandte meiner Frau, bekamen für ihr übersetzerisches Lebenswerk (Übersetzungen von Texten aus der sogenannten „Jugosphäre“, v.a. des Serben David Albahari) den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds. Beim anschließenden Essen im „Orfeo’s Erben“ wäre das naheliegende Small-Talk-Thema natürlich „Übersetzung“ gewesen, aber in unserer Tischecke, in der u.a. der Geschäftsführer des Literaturfonds und Michael Martens von der FAZ Platz nahmen, ging es dann um die Dauerbrennerthemen überhaupt im Literaturbetrieb: Wer liest eigentlich noch? Wie lang dürfen Texte heute noch sein? Und sind preiswerte E-Reader wie der neue 99-Euro-Kindle der Weg aus der „Lesekrise“, die sich darin äußert, dass der statistische Durchschnittsdeutsche pro Jahr nur noch 1 Buch liest?

 

Die Trends hinter veränderten Lese- und Rezeptionsgewohnheiten liegen natürlich auf der Hand – unten, in den weniger schönen Sphären der Sozialstruktur, ist es die „Bildungsferne“, die es sich täglich weiter auf dem Sofa vor dem Fernseher bequem macht. Und oben, da wo noch Jobs und Geld vorhanden sind, hat niemand mehr Zeit – bzw. glaubt, die knappe Zeit jenseits des Berufs dann nicht bitte auch noch mit Lesen zubringen zu müssen.

Aber nicht nur der Freizeitkonsum von Roman, Sachbuch und Zeitung ist im Wandel. Auch innerhalb der Berufswelt hat sich da einiges getan, Anforderungen ändern sich, was ich auch ganz deutlich in der Marktforschung zu spüren bekomme.  Als Marktforscher ist man ja in erster Linie „Gebrauchstext-Produzent“, da darf man sich auch als ach so kreativer qualitativer Forscher nichts vormachen. Obwohl der „Qualo“ im Gegensatz zu seinem Tortendiagramm-produzierenden Kollegen aus der Quanto-Abteilung zu der einen oder anderen nicht zwingend notwendigen Ausschweifung und auch mal zum stilistischen Ornament neigt, standen doch alle Marktforscher in der Vergangenheit dafür, bündig und nüchtern auf den Punkt zu kommen.

Dachte ich zumindest bis vor 4, 5 Jahren, als auf einmal von Kundenseite immer häufiger zu hören war, dass „30 Seiten Word“ oder „100 Seiten Powerpoint“ nun wirklich nicht mehr drin seien, man solle sich doch gefälligst kürzer fassen – oder wenn man doch diese epische, homerische Länge benötige, dann solle man doch wenigstens in Executive Summaries am Beginn des Dokuments in 3-4 Bullet Points alles (!) Wichtige abhusten. Es war mir wichtig diese häufig missachtete, da wahrscheinlich zu profane Manifestation der „Lesenskrise“ in unsere Tischdebatte einzubringen: denn wie heuchlerisch bitte ist Kulturkritik an unserer ach so textfernen, Wikipedia-sampelnden Jugend oder am lesefaulen Prekariat, wenn sich auch die Berufswelt immer stärker längeren Textformen verschließt?

Der Kunde ist natürlich König, und so werden nicht wenige Qualos, yours truly eingeschlossen, und so honorige Institute bzw. Textproduzenten wie Ernest Dichter (r.i.p.) oder Rheingold dadurch stark herausgefordert. Hatten wir uns doch all die Jahre in Sicherheit gewähnt, dass auf der Gegenseite beim Kunden Rezipienten mit hohen Bildungsabschlüssen saßen, die man mit textlicher Komplexität konfrontieren konnte. Nun, das mit den hohen Abschlüssen ist immer noch so – das mit der Komplexität nicht.

Das Berufsbild des Marktforschers als Textproduzent hat sich massiv verändert: vom Kurzgeschichtenschreiber hin zu jemandem, der in Haiku-ähnlicher Kürze alles Wichtige vermitteln kann (ironischerweise selbst dann, wenn das dazugehörige Briefing auf Kundenseite doch mehrere Seiten umfasst.) Wenn Marktforscher sich heute nicht mehr Forscher nennen, sondern Consultants, dann drückt das vielleicht gar nicht in erster Linie aus, dass man heute Kundenberater und nicht nur braver Datensammler ist. Vielleicht – auch wenn das etwas ketzerisch sein mag – verspricht der „Consultant“ aus Kundensicht in erster Linie geringe Mengen an Text.