Little Guttenberg

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Das Leben an und für sich

Guttenberg lässt mich nicht los. Gestern fiel mir beim Aufräumen eine Hausarbeit aus dem Jahr 2000 in die Hände, in der ich mich selbst schaudernd als „little Guttenberg“ erkenne. Die Story geht so:

Wir schreiben das Jahr 2000. Ich bin im Hauptstudium der Soziologie angelangt und stecke tief im Jargon des Faches, ja, ich bin sogar etwas berauscht von all den Systemtheoretikern und Kritischen Theoretikern, die fern jeder sozialen Relevanz ihre Fehden im Elfenbeinturm austragen. Die Beschäftigung mit Psychoanalyse im Nebenfach Psychologie macht die Lage nicht besser.

Folgerichtig schreibe ich eine Hausarbeit, sinngemäßer Inhalt: „Luhmann vs Habermas“, und türme Satzungetüme auf, die Heidegger als leichte Bettlektüre erscheinen lassen.  Womit ich nicht gerechnet hatte: der Dozent wird diese Arbeit tatsächlich lesen, penibel kontrollieren (ohne Google, händisch!) und auf mehr als 2 eng bedruckten Seiten detailliert kommentieren. Thank god, denn sein Schuss sass!

Nach einer kleinen höflichen Einleitung über die theoretischen Meriten der Arbeit, die er insgesamt mit „gut“ bewertete…

(…) Ihre Deutung der Beobachtung zweiter Ordnung als funktionalem Äquivalent für Gesellschaftskritik ist publikationswürdig (….)

…setzt der Dozent zum Frontalangriff an. Ich habe akademisch schlampig gearbeitet und teils auch noch „enigmatisch“ formuliert. Glasperlenspiele – das könne so nicht weitergehen, schließlich sei ich nicht Sloterdijk, nur der dürfe so schreiben, so dunkel raunen.

Ihre Arbeit (…) hat mich einigen Schweiß gekostet (…) Ich habe die hinterhältige Angewohnheit, das, was in Hausarbeiten als Zitat markiert ist, an der Fundstelle zu überprüfen (…)

Es folgen mindestens 10 Beispiele für Zitate aus nicht in der Literaturliste vermerkten Büchern, Zitate aus ganz anderen, nicht aufgeführten Editionen, Zitate mit Wortauslassungen… (allerdings keine unterschlagenen Zitate.)

So dass der Rat aus Dozentensicht nur lauten konnte:

Vielleicht sagen Sie nun: das ist doch Pipikram, auf den Inhalt kommt es an. Ich rate Ihnen dringend, diesen Pipikram sehr ernst zu nehmen. Wenn Sie einmal eine Diplom-, Magister- oder sonstige Abschlussarbeit schreiben und bei solchen Dingen ertappt werden, steht im günstigsten Fall im Gutachten das Wort ’schlampig‘, im ungünstigsten landen sie bei der Ethikkommission.

Das war rückblickend sicher das wertvollste Feedback, das ich in 5 Jahren an der Universität Heidelberg bekommen habe. Ab diesem Zeitpunkt war es vorbei mit der verschwurbelten Ausdrucks- und Arbeitsweise des Soziologen, ich entdeckte meine Liebe zu Hauptsätzen, ich zollte Quellen Respekt und arbeitete hart an der Nachvollziehbarkeit meiner Texte. Kurzum: ich steigerte auch meine Employability für die freie Wirtschaft und Marktforschung…

Vielleicht hätte dem Freiherrn G. solch eine robuste Rückmeldung zu gegebener Zeit auch ganz gut getan – und sei es auch nur um einzusehen, dass irgendwer einem immer auf die Schliche kommt, erst recht, wenn die Öffentlichkeit einen nicht nur als Schlamper, sondern als Betrüger auffliegen lassen will. Ein Hoch jedenfalls auf inspirierende akademische Lehrer!