Occupy Sloterdijk oder: warum die 99% von den Reichen mehr brauchen als Almosen

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Allen Blog-Lesern auf diesem Wege zunächst mal ein frohes und erfolgreiches Jahr 2012! Das Blogging musste in letzter Zeit leider etwas zurücktreten, was an den Feiertagen, den diversen Familienbesuchen und nicht zuletzt an den Buchgeschenken zu Weihnachten liegt, die mich den Januar über weiter in den Bann ziehen.

Besonders Marc Greifs Essaysammlung „Bluescreen“ hat es mir angetan. Mark Greif ist politischer Publizist aus den USA und einer der rührigsten Chronisten und Propagandisten der „Occupy Wall Street“ Bewegung. Wenn das dramatische und globale Auseinderklaffen von arm und reich neuerdings auf die griffige Formel „99% gegen 1%“ gebracht wird, dann ist das auch Greifs Verdienst (wer Greif auf Spex-gesponserter Lesetour durch Deutschland erleben will: hier sind die Termine.)

By Leepower (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Occupy Wall Street
Greif schreibt als Amerikaner natürlich keine dröge, europäisch angehauchte Kapitalismuskritik. Ihm geht es mehr um den Zustand der Kultur als um die Eigentumsverhältnisse, also werden Themen abgehandelt wie die Sexualisierung der Jugend (damit die Kids auch schon mal lernen, dass im Erwachsenenleben nur Attraktivität zählt und man sich z.B. mit Ipods, Audis & Co die Attraktivität auch kaufen kann) oder die Frage, warum uns unser Leben eigentlich so ereignisreich und auszehrend vorkommt, obwohl es im Vergleich zur Ur-Großelterngeneration eigentlich eher ärmer an Zäsuren und Herausforderungen ist (WW1, WW2…) (Hint: es sind die Medien, aber auch die Explosion an Anbietern, die uns Erfahrungen im Bereich „Sex, Besäufnisse, Reisen, Abenteuer“ als „the real deal“ verkaufen.)

Im Essay „Gesetzgebung aus dem Bauch heraus, oder: Umverteilung“ argumentiert Greif dann doch etwas ökonomischer, und zwar für ein Grundeinkommen von 10.000 Dollar und die Deckelung von Gehältern ab 150.000 Dollar. Dabei watscht er – daher auch der Titel dieses Blogeintrags – en passant Peter Sloterdijk ab, der 2009 mit viel Tamtam in der Erhabenen Zeitung die Idee von der „Revolution der gebenden Hand“ veröffentlichte. Wir erinnern uns: Sloterdijk fühlte sich als Besserverdiener ausgebeutet vom Staat, der „nehmenden Hand„, und meinte, man sollte doch mehr auf die Wohltätigkeit und freiwillige Großzügigkeit und die Almosen der Upper Crust setzen denn auf Steuererhöhungen und Grundeinkommen:

Tatsächlich hatte ich (…) vor einiger Zeit angeregt, eine allmähliche Umwandlung des bestehenden Steuersystems von einem bürokratisierten Ritual der Zwangsabgaben in eine Praxis freiwilliger Bürgerbeiträge zum Gedeihen des Gemeinwesens in Erwägung zu ziehen.

So weit der deutsche Professor und seine Utopie. Was meint der amerikanische Empiriker und Menschenkenner Greif zu „freiwilligen Bürgerbeiträgen“ für das Gemeinwesen?

Wohltätigkeit ist der große Makel aller von Ungleichheit charakterisierten Systeme. (…) Wir sollten gar nicht groß darüber nachdenken müssen, ob unser Geld in der Tasche eines notleidenden Menschen besser aufgehoben wäre, ob wir unserer Freizeit Suppe an Notleidende verteilen oder unsere Bildung nutzen sollen, um Analphabeten das Lesen beizubringen. Natürlich macht das die Welt in jedem einzelnen Fall zu einem besseren Ort. Doch da es uns nun einmal schwerfällt, Geld zu spenden oder Zeit zu opfern, wenn es nicht alle anderen auch tun – vor allem, wenn es Menschen gibt, die offensichtlich über viel mehr Geld und Zeit verfügen – (…) ist unsere Bereitschaft zu spenden begrenzt und unbeständig. Angesichts der Ungleichheit in der Gesellschaft werden wir so niemals einen großen Unterschied machen.

Thanks to David Shankbone

Ein einfaches, empirisch fundiertes und an Menschenkenntnis geschultes Argument: Menschen sind meistens ziemlich faul und überlassen es lieber „den anderen“, für mehr Wohltätigkeit in der Gesellschaft zu sorgen. Daher wird das mit den Almosen anstelle von Steuern nicht funktionieren, Herr Sloterdijk. Außer man nimmt so ein bißchen Hunger und Verzweiflung bei den 99% in Kauf – da gab es doch schon früher die tolle Idee, man könne ja einfach Kuchen essen, wenn man sich kein Brot leisten kann.

 

3 Gedanken zu „Occupy Sloterdijk oder: warum die 99% von den Reichen mehr brauchen als Almosen

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