Wir waren verblendet, oder: die Larry-Summers-Begeisterung von 2001

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Als Mittdreißiger beschleicht mich ja ab und zu das Gefühl, in posthistorischen Zeiten zu leben. Dabei bin ich in meiner Alterskohorte keine Ausnahme, wie ich aus vielen Gesprächen im Freundeskreis weiß. Der Eiserne Vorhang fiel, als ich gerade 14 war und mich eher um die Auswirkungen meiner Außenspange auf meine Attraktivität scherte als um Politik; vieles, was nach 1989 noch so passierte (9/11, Irak-Krieg(e)) entbehrte zwar nicht einer heftigen Dramatik, schien aber kaum aufs Alltagsleben so durchzuschlagen wie das Ende der alten bipolaren Welt und der Siegeszug des Kapitalismus (hello Mr. Fukuyama).

von United States Department of Treasury [Public domain oder Public domain], durch Wikimedia CommonsMittlerweile merke ich aber, dass dieses Gefühl Nonsense ist. Innerhalb des Siegeszugs des Kapitalismus gibt es nämlich doch epochemachende Zäsuren – sie verstecken sich aber in drögen Gesetzestexten, so dass wir Kinder des Visual Turn erst nach und nach erkennen, was Sache war. Das fiel mir gestern auf, als ich ein Interview mit Larry Summers bei Felix Salmon sah. Summers war unter Clinton Finanzminister und maßgeblicher Strippenzieher, als es darum ging, hochspekulative Finanzderivate (CDS & Co) von jeder gesetzlichen Regulation auszunehmen und aus langweiligen Girokontenbanken richtige Zockerbuden zu machen. Welche Sprengkraft hinter dem Zusammenbruch dieses derivativen Kartenhauses steckt, bekommen wir ja alle seit Jahren zu spüren (wer mehr wissen möchte, sollte sich unbedingt Inside Job ansehen.) Summers leugnet natürlich alles.

Im Rückblick muss man sagen: was 1989 über „den Kommunismus gesiegt“ hat, war aus heutiger Sicht nur ein Kuschelkapitalismus. Den richtigen Turbokapitalismus gab’s erst ab 2000: da ging’s so richtig rund, als Investmentbanken z.B. hochriskante Kredite für Detroiter Ghetto-Häuser bündeln und als AAA-Anlagen an schwäbische Hausfrauen weiterverkaufen konnten. Mir war das damals nicht so bewusst, daher auch der Titel des Beitrags. Die Verblendung ging sogar so weit, dass ich ca 2001 nach einer soziologischen Tagung über den Harvard-Campus schlurfte (Summers war damals Harvard-Präsident) und euphorisch zustimmte, als ein Weggefährte sinngemäß meinte (meiner Erinnerung nach Alexander Ebner – ob er das heute auch noch so sehen würde?), es sei ja absolut klasse, dass so eine altehrwürdige, aber auch verschnarchte Institution wie Harvard endlich mal durch so einen Finanzmagier wie Summers modernisiert würde…

(PS Der milliardenschwere Harvard-Investmentfonds hat sich übrigens in den 3 Jahren nach dem Kollaps von Lehman Brothers wieder erholt. So richtig scheinen die Manager nicht aus der Geschichte gelernt zu haben – es steckt immer noch viel Geld in Hedge Funds. Toi toi toi Jungs!)