Philanthropie statt Steuererhöhungen? Das wird nicht reichen

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Komplizierte Zeiten, verkehrte Welt: Auf der einen Seite sperren sich die meisten Staaten – vielleicht mit Ausnahme Frankreichs – dagegen, Reiche und Ultrareiche (Ultra High Net Worth Individuals, Personen mit über 30 Millionen Dollar Anlagevermögen) stärker zu besteuern als bisher.

Auf der anderen Seite gibt es eine noch kleine, aber lautstarke Fraktion unter den „filthy rich“ (Soros, Buffett, Hanauer), die geradezu um höhere Steuern bettelt, um die öffentlichen Ausgaben erhöhen zu können – und bis zur

von The Granger Collection, New York (The Granger Collection, New York) [Public domain], via Wikimedia Commons

Steuererhöhung einfach schon mal das Vermögen verschenkt.

Als Anhänger der Civil Society könnte man sich jetzt sediert zurücklehnen und sagen: Wow, Renaissance der Philantropie, „nouveau Carnegie“ –  vielleicht brauchen wir den Staat als Umverteiler ja gar nicht mehr? Kommt der Reichtum ganz von selbst zu Vernunft und Moral?

So schön dieser neue, alte Trend ist: milde Gaben der oberen 10.000 werden die soziale Misere (und wir reden hier nicht nur über die Jugendarbeitslosigkeit in den PIGS-Staaten) nicht richten. Aus drei Gründen:

1.) Partikularinteressen. Der Spender spendet nach Lust und Laune. Darf er ja auch. Hier z.B. laut The Giving Pledge:

„The pledge encourages signatories to find their own unique ways to give that inspire them personally and benefit society.“

Philanthropie gibt also gerne Geld, versteht sich aber meist ganz und gar nicht als Staatsersatz oder auch nur als Staats-Komplementär. Wir erinnern uns – es gibt öffentliche Ausgaben, die Investitionscharakter und eine Art Multiplikatoreffekt haben, z.B. solche in Bildung und Infrastruktur. Und es gibt solche, die zumindest die größte soziale Not durch Transferzahlung direkt lindern. Hier spielen die privaten, philanthropisch motivierten Entitäten überhaupt nicht mit – man kümmert sich sowieso nur um Menschen, die Projektanträge schreiben können, man fördert die eigene Religion, man erhebt die eigene Wanderlust in den Rang der Förderungswürdigkeit (Willy Scharnow Stiftung für Tourismus) – und was hat das jetzt genau mit „social welfare“ zu tun?

2.) US-Phänomen. Die USA sind ein Land massiver Ungleichheit, dennoch ist das massive Stiften, das Aufsetzen von Trusts und Endowments primär ein US-Phänomen.

3.) Masse. Knapp 200.000 UHNW gibt es weltweit laut Wealth X. Die meisten von ihnen werden weiterhin primär davon träumen, mit ihren Yachten vor der Cote d’Azur zu kreuzen oder ins eigene Anti-Aging (oder warum nicht gleich Cloning und Unsterblichkeit) zu investieren. Ohne den Rang der vielspendenden 1% (?) schmälern zu wollen: an die Leistung der Umwälzpumpe „Steuersystem“ kommt Philanthropie mangels Masse beileibe nicht ran.

Wenn wir schon gerade das Philanthropie-Fass aufmachen – gar zu euphorisch sollte man auch nicht werden bei einem weiteren Trend: Vermögende vergeben immer öfter Kredite direkt über Plattformen wie kiva.org oder kickstarter.com, vorrangig an „unternehmerische“ Subjekte (das sind wieder Leute, die irgendwie Projekte aushecken können – seien es welche aus Emerging Markets oder der Kreativwirtschaft – oft liegt das ja nah beieinander.)

Wiederum: „support the industrious poor“, schön und gut, aber kein Allheilmittel. Wie David Graeber so schön sagt: „What about the non-industrious poor? They can go to hell, presumably (quite literally, according to many branches of Christianity.)“ (Debt: the first 5.000 years, Melville House, p. 389) Wir brauchen ein Steuersystem, das jeden menschenwürdig am Leben erhält und ein Chancen einräumt – auch wenn er keinen Projektantrag schreiben kann. Wir können uns nicht einlullen lassen und uns auf den Förderwillen der Reichen verlassen.