Die Indiskretionen der Archivare

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Das Leben an und für sich

See page for author [Public domain], via Wikimedia CommonsWer jemals an einem zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Lehrstuhl lernte oder gar beschäftigt war, der weiß, dass so ein Professor (Professorinnen natürlich auch) Techtelmechtel und „Musen“ einfach brauchen. Lange Zeit unterlag ich dem Trugschluss, das sei erst seit ’68 so, und vorher habe eine Art autoritärer Mehltau über der akademischen Libido gelegen. Durkheim, Weber und Adorno hatte ich so lange Zeit eher platonisiert.  Seit 2005 ist es aus damit, seit eine gründliche Sichtung der Max Weberschen Briefe ans Tageslicht brachte, dass man durchaus auch vor 68 mehrere Geliebte parallel haben, Schläge vom Kindermädchen genießen und sich fragen konnte, ob die vielen nächtlichen Samenergüsse (!?) nicht doch die Schaffenskraft minderten. Tja, so manches Detail wollte man vielleicht gar nicht so genau wissen…

Dass auch der Moralapostel Adorno mittlerweile als „Sau“ geoutet ist, ging dank Marktforscherkarriere leider an mir vorbei. Ich war noch auf dem Stand, dass der züchtige Adorno nach dem berühmten „Busenattentat“ im Hörsaal gewissermaßen an Scham oder Empörung kurz darauf verstorben war. Diese Woche rückte mir die allerdings „Zeit“ mein Adorno-Bild zurecht. Adorno hatte nun nicht nur Musen, sondern führte auch noch Traumtagebücher, d.h., selbst führte er sie nicht – er überließ es seiner Frau, sein Gekritzel ins Reine zu tippen. Vollkommen schamlos berichtet Adorno darin z.B. von Träumen, in denen seine Geliebte „A“ (Arlette Pielmann) vorkommt.

Ich hatte eine unbeschreiblich schöne und elegante Geliebte, sie erinnerte an A. (…) Sie sagte mir, ich müsse mir unbedingt eine Schwanz-Wasch-Maschine anschaffen. Auf meinen Einwand, ich badete doch jeden Tag und hielte mich überaus sauber, erwiderte sie, nur jene Maschine garantiere es, daß man an jener Stelle von jedem störenden Geruch frei sei; nur wenn ich mir eine kaufe, werde sie mich stets mit dem Mund lieben.

Ja, da war ich doch baff. Gar nicht mal, weil ich so was der Frankfurter Schule nicht zutraue, sondern mir klar wurde, dass offensichtlich auch ganz ohne Social Media früher oder später jeder Fauxpas und jede Schweinerei ans Licht kommt. Gut, es dauert etwas länger, bis die Archivare sich durch den Briefverkehr quälen, aber das Outing, das funktioniert auch ohne Timeline und Twitter. Von Niklas Luhmann scheint derlei übrigens nicht überliefert, entweder sind Organisations- und Verwaltungssoziologen libidinös wirklich vollkommen unterbelichtet; oder Luhmanns Zettelkasten ist einfach noch nicht gescheit ausgewertet.

368 Gedanken zu „Die Indiskretionen der Archivare

  1. Pingback: The mind blog
  2. Pingback: Kayak Fishing
  3. Pingback: diabetes cure 2015
  4. Pingback: more tips here
  5. Pingback: Kayak Fishing
  6. Pingback: Kayak Fishing
  7. Pingback: scoresgalaxy.com
  8. Pingback: scores galaxy
  9. Pingback: lotions dry skin

Kommentare sind geschlossen.