Mein Microbiom und ich

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Das Leben an und für sich

Lange schien im Zusammenhang mit Bakterien nur die Frage interessant, wie man sie möglichst effizient bekämpfen kann, und wie die Wirksamkeit von Antiobiotika in Zeiten gedankenloser Dauergabe in Viehzucht und HNO-Praxen erhalten bleiben kann. Nun dreht sich die Debatte aber anscheinend, und man ist in vielen Artikeln dem Nutzen der kleinen Mitbewohner auf der Spur, die man in ihrer Kilogramm-schweren Gesamtheit das „Microbiom“ des Menschen schimpft.

 

Den Anfang unter den Mainstream-Publikationen machte die Frankfurter Rundschau (RIP), dicht gefolgt vom Economist, der in einem kleinen Artikel Mitte 2012 das hohe Lied der Fäkaltransplantation sang. Richtig gehört: Fäkaltransplantation; der

letzte Schrei, wenn Patienten beispielsweise nach längerer Antibiotikagabe keine nennenswerte Darmflora mehr haben und offensichtlich wird, dass viele der vergraulten Darmbewohnerbakterien auch ganz gute Seiten hatten, wie z.B. Nahrungsmittel verdaubar zu machen und in ihre Einzelteile aufzuspalten – dann borgt man sich einfach ein Microbiom, z.B. das des Nachbarn, wenn der nett ist.

 

 

von Peter van der Sluijs (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
von Peter van der Sluijs
Da ich seit gestern weiß, dass ich „Helicobacter Pylori“ im Magen habe, diesen eventuell Ulcus-fördernden, unbeliebten Keim, habe ich zur Sinnhaftigkeit seiner Bekämpfung etwas recherchiert. Denn man fragt sich ja schon: muss man, um den einen Bösewicht zu erlegen, gleich das ganze Microbiom in Mitleidenschaft ziehen? Ergebnis: viele wollen das spiralförmige Biest immer noch reflexhaft ausrotten, no matter what; gerade in den USA existiert aber auch eine „save the microbes“-Gegenbewegung, und viele Menschen scheinen sich sogar bewusst re-infizieren zu lassen (wie in den USA nicht anders zu erwarten, hat nämlich jemand eine Korrelation zwischen Fettleibigkeit und Helicobacter-Befall berechnet, und siehe da: Infizierte sind schlanker.) Andere sagen, dass man ohne Helicobacter dann weniger Ulcus und Magenkrebs hat, aber dafür mehr Speiseröhrenkrebs (würde mir jetzt spontan schwerfallen, da einen Favoriten zu haben.)

Re-Infektion kann übrigens oft im Do-It-Yourself vonstatten gehen, so dass das sicher eine in esoterischen Kreisen sehr schnell Fuß fassende Praxis werden wird, ganz egal, was der Labormensch im Einzelfall dazu sagen wird: es gibt anscheinend sogar schon „probiotische“ Helicobacter-Pillen, und im Internet kursieren (natürlich) auch schon Anleitungen, wie man sich selbst mittels Einlauf eine „Stuhlspende“ verabreichen kann. Freiwillige vor!

 

437 Gedanken zu „Mein Microbiom und ich

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