Wie Angstschweiß hoffentlich kein Deo verkauft

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Die beliebte, wenn auch traditionell-angestaubte Familienmarke Nivea hat es geschafft: das Video „Stresstest“ wurde innerhalb einer Woche 7 Millionen abgerufen. Und, als alter Werbepretester muss man auch mal neidlos anerkennen: die Idee hat sogar etwas mit der beworbenen Kategorie „Deo“ zu tun, denn hier wird eindeutig Angstschweiß produziert…

Dennoch, liebe Nivea: das war nix. Ich muss hier leider ganz altmodisch und prinzipienreiterisch argumentieren…

Schon seit Kurt Felix („Verstehen Sie Spaß?“ – gestartet 1980 – lang ist’s her…) wird debattiert, welche Art heimlicher Filmaufnahmen im öffentlichen Raum denn nun gerade noch erlaubt oder vertretbar seien. Auf der einen Seite steht das legitime und in Deutschland sowieso sehr relevante Motiv, über andere / auf Kosten anderer zu lachen. Auf der anderen Seite gibt es so etwas wie Persönlichkeitsrechte, auch im öffentlichen Raum – und da wir hier nicht in Japan sind, wo man so gut wie alles inszenieren und mit der versteckten Kamera draufhalten kann, gab es in Deutschland einen Konsens, dass „vorgetäuscht gefährliche oder ehrverletzende“ Situationen „drüber“ wären.

Nivea ist aus meiner Sicht recht deutlich über diese Konsenslinie gesprungen. Nivea versucht sich zwar damit herauszureden, dass man vor dem Dreh Freunde der Gefilmten gefragt habe, ob sie „ein bisschen Stress aushalten“ würden, was die Freunde rundheraus bejaht haben sollen. Darum geht es aber nicht – vielmehr geht es darum, dass einige der Gefilmten sich offensichtlich in echter Gefahr einer Festnahme wähnten, sei diese gerechtfertigt oder nicht. Außerdem: „It is? rare to know every little detail about someones life. Most people keep secrets, and secrets are often points of stress.“ (User Kelkschiz auf Youtube.) Diesem Kommentar ist nichts hinzuzufügen.

Selbst wer keine dirty little secrets ins Boardingareal am Hamburger Flughafen mitnimmt, für den dürfte die Aussicht darauf, von missmutigen hanseatischen Polizisten abgeführt zu werden, alles andere als angenehm sein. Derlei kann in den Augen der Umstehenden das eigene Ansehen und die Ehre verletzen, selbst wenn sich die Vorwürfe nachher als haltlos herausstellen sollten (der Autor weiß das, weil er in seiner Heidelberger Studentenzeit in den Augen einiger Polizisten in etwa so aussah wie ein flüchtiger Bankräuber und am hellichten Tag auf dicht bevölkerten Universitätsplatz gefilzt wurde.)

Zudem: wo kommen wir da hin, wenn in Zukunft jede altbackene Marke ihr Heil in viralen Provokations- oder Veralberungsspots sucht?  Die Möglichkeiten unschuldige Verbraucher zu terrorisieren sind unendlich:

  • Erhalten Eltern demnächst Anrufe, ihr Kind sei bei einer Kollision mit einem Toyota schwer verletzt worden, um dann an der „Unfallstelle“ zu erfahren, dass – haha! – das mit einem Toyota doch nicht möglich sei, weil die doch den besten Passantenaufprallschutz haben? („Nichts für ungut, hihi – hier haben sie ein Set Fussmatten als kleines Dankeschön von Toyota.“)
  • Wird man demnächst in Bars Menschen vor versteckter Kamera ein paar Milligramm Xanax ins Mineralwasser mischen, damit sie erleben können, wie angstfrei es sich mit der neuen Allianz-Police leben lässt? („Wir haben uns natürlich vorher abgesichert. Ihre Freunde haben uns im Vorfeld versichert, dass sie kein Problem mit Psychopharmaka haben dürften!“)
  • Finden Männer demnächst Trennungsbriefe ihrer Freundinnen vor, die sich über mangelnde Mitarbeit im Haushalt beschweren und die behaupten, jetzt mit einem netten Dove-Verwender (= diese ironisch-aufgeklärten neuen Männertypen) zusammenzusein? („Was regen Sie sich denn so auf? Können wir sie mit einem Gratis Billigduschgel von Dove Men etwas beruhigen? Nein?“)

Mir graust es schon vor dem nächsten Schritt vor die Haustür, denn da draußen gibt es eine ganze Menge verschnarchter Firmen, die in diesem Moment von halbseidenen Social Media Agenturen beraten werden…