Danke für die Erinnerung, Mr Wright: Datensammelwut bringt uns keine Sicherheit

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Edward Snowden, Guardian & Co ist zu verdanken, dass wir mittlerweile einen ganz guten Überblick darüber haben, auf welche legalen und illegalen Arten und Weisen sich heutzutage Geheimdienste Daten beschaffen können. Die ungeheure Tatsache, dass mittlerweile jede private Kommunikation irgendwo aktenkundig auf Geheimdienstservern schlummern dürfte (wenn auch nicht als Transkript, so doch wenigstens als „Metadatum“) und auch jede verschlüsselte Kommunikation demnächst gut knackbar ist (weil die Dienste bewusst an der Schwächung der Kryptographieverfahren arbeiten), schlägt unfassbar niedrige Wellen. Ich habe dazu mehr Fragen als Erklärungen:

 

  • Versteht die Öffentlichkeit die Brisanz der Lage nicht? Fehlt es an geeigneten Bildern und Analogien, um die Bedeutung der Spionagetätigkeit zu verdeutlichen (man stelle sich vor, jeder Brief würde geöffnet, in jedem Schlafzimmer säße ein Stasi-Mitarbeiter…?) Steckt zu viel Technikkauderwelsch in der Berichterstattung, so dass man den Eindruck erhält, das Ganze beträfe nur Nerds und sei auch nur von Nerds zu bearbeiten?
  • Ist der Fatalismus („was soll ich dagegen tun?“) wirklich schon so weit fortgeschritten, dass nur Resignation als Strategie übrigbleibt? Wenn ja, dann – man lese in der Angelegenheit einfach mal wieder Fritz Stern – ist das für die „FDGO“ auf Dauer deutlich schädlicher als irgendeine neu gewählte NPD-Nase.
  • Findet man die Sammelwut etwa „gerechtfertigt„, da sie ja schließlich die Gesellschaft „schützt“ und „sicherer“ macht (zumal man selbst ja ohnehin „nichts zu verbergen“ hat und zunehmend dem Social Media Exhibitionismus frönt)? Darauf deuten z.B. repräsentative Surveys aus den USA hin, in denen zwar der Verlust an „civic liberties“ bedauert, aber im Interesse der „Terrorabwehr“ mehr oder weniger zähneknirschend akzeptiert wird.

Letztere Grundhaltung torpediert im neuesten New Yorker ein Beitrag von Lawrence Wright. Zwei Bundesrichter in den USA kamen zur Sammelpraxis der nämlich zu entgegengesetzten Urteilen: während sie der eine empfindlich einschränken will, hält der andere sie für gerechtfertigt, mit dem üblichen Sicherheitsargument, „9/11 hätte so verhindert werden können“. Gerade für Wright ist dieses Argument natürlich ein rotes Tuch: schließlich hatte er in seinem brillanten Buch „The looming tower – Al-Qaeda and the road to 9/11“ minutiös nachgezeichnet, dass alle erforderlichen Informationen über Al Qaedas Intentionen, Zellen und Akteure vorlagen –  9/11 hätte auch ohne pauschales Sammeln von Verbindungsdaten nach heutigem NSA-Stil verhindert werden können, wenn die CIA nicht entscheidende Informationen dem FBI vorenthalten hätte. 9/11 hatte nichts mit einem Datendefizit zu tun, sondern mit einem Kooperationsdefizit.

Alle Daten, von denen in Wrights Buch die Rede ist, wurden übrigens auf die klassische Art herangeschafft: durch Observierung von Treffen, Kooperation mit Auslandsgeheimdiensten, Wanzen, die punktgenau in bestimmten Gebäuden angebracht wurden… also durch gezielte Aktionen, nicht durch pauschales Bespitzeln der Gesamtgesellschaft. Auch wenn ich ahne, dass dieses Argument vielerorts verhallen wird:  pauschales Abhören macht die Gesellschaft nicht sicherer. Es macht uns nur alle machtloser. Die große, grandiose Gegenstrategie ist noch nicht absehbar; bis diese feststeht, kann es eigentlich nur heißen: mehr Briefe, mehr persönliche Gespräche, mehr Verschlüsselung. Wenn das nur so einfach wäre…

PS: Ich setze große Hoffnungen in die IT-Abteilungen der Firmen. Nichts sollte (theoretisch) so gute Lösungen produzieren wie der Wille, sein „intellectual property“ zu verteidigen. Das dabei gewonnene Wissen sollte dann am besten in den Firmenkantinen abhörsicher weiterverbreitet werden.